Dr. Wolfgang Krüger
Psychotherapeut und Buchautor
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Leseprobe

ÜBERLEBEN in der Patchworkfamilie

Als ich dieses Buch las, musste ich die ganze Zeit lächeln. Mir gefällt alles daran: Die Sprache, mit der die Autoren die Schwierigkeiten in der Patchworkfamilie beschreiben, die Reflexionen über sich selbst und alles, was zwischen den Zeilen steht. Ich zweifle nicht daran, dass die Stieftochter Katharina in ihrer klaren, unkomplizierten und klugen Art die Vorgaben für diese Beziehung gesetzt hat. Sie und ihre biologischen Eltern verdienen dafür eine große Anerkennung. Der Stiefvater Wolfgang wiederum hat durch seinen geschickten Beziehungsstil potentielle Kriege in sinnvolle und tiefgründige Auseinandersetzungen verwandelt, die später zu Oasen einer ruhigen Entwicklung führten.

Schon bevor die 9-jährige Katharina den neuen Partner ihrer Mutter kennenlernte, hatte sie erhebliche Vorbehalte, während dieser der Beziehung offen und optimistisch gegenüber stand. Glücklicherweise verfolgte er nicht die Absicht, eine bedeutende Rolle im Leben von Katharina zu spielen. Das war bestimmt nicht der schlechteste Ansatz für den Beginn ihrer Beziehung. Viele Erwachsene haben in der gleichen Lebenssituation sehr überhöhte Ansprüche. Sie sind dann enttäuscht und erleben ständig Niederlagen. Aber auch die Kinder sind verwundbar, weil sie so sehr auf die Anerkennung der Erwachsenen fixiert sind.

Der Leser lernt in diesem Buch zunächst einen Mann kennen, der glücklich ist, weil er eine Frau gefunden hat, die er liebt. Dann erfährt der Leser von einem Kind, das unerwartet auf einen Fremden trifft, mit dem sie plötzlich ihre Mutter teilen muss. Sie hat das Gefühl, dass damit sehr viel von ihrer Beziehung zur Mutter verloren geht. Allerdings ist das Mädchen zu selbstbewusst und aktiv, um nur eifersüchtig zu reagieren. Vielmehr entwickelt sie ihre eigene Strategie, damit keine Familienbeziehung zu dem Partner der Mutter entstehen kann. Zum Glück versteht dieser ihre Ablehnung und versucht taktvoll und re-spektvoll, die wenigen Chancen geduldig für sich zu nutzen.

Die Schilderung von Wolfgang Krüger und Katharina Münzer kann ein Vorbild für viele Stiefeltern sein. Auch wenn Wolfgang Krüger den Begriff Bonusvater/Bonustochter bewusst nicht wählt, wird deutlich, wie sich eine Beziehungsgestaltung bereichernd für beide Seiten auswirken kann. Ich empfehle das Buch allen Männern und Frauen, die Stiefeltern werden oder bereits schmerzliche Erfahrungen als Stiefeltern gesammelt haben.

Oft verstehen Stiefeltern, dass sie die Beziehung zu Stiefkindern langsam aufbauen und Respekt für ihre Grenzen aufbringen müssen. Doch leider haben viele Stiefeltern zu wenig Geduld und setzen sich beim Aufbau der Patchworkfamilie zu sehr unter Druck. Dabei müssen sie erleben, dass ihre positive Einstellung und gut gemeinten Bemühungen missverstanden und abgelehnt werden. Die Stiefeltern sind blockiert, weil sie zwar die Verpflichtung spüren, den Kindern gegenüber offen zu sein, aber dann doch die Erfahrung machen, an ihren eigenen Grenzen zu scheitern.

Somit ist das Buch auch ein Ratgeber und eine Inspiration für Familientherapeuten und alle, die Kindern und Erwachsenen professionell helfen wollen.

Es ist eine wahre Aufopferung,
die man als Stiefvater auf sich nimmt.
Ein Stiefvater

Der Neue war ein Schock für mich.
Eine Stieftochter

Vor über 20 Jahren erlebte ich die heftigsten Konflikte meines Lebens, nachdem ich mich in eine Frau verliebt hatte, die sich intensiv um ihre Tochter kümmerte. Jahrelang war mein Zusammenleben mit der jungen Katharina von täglichen Streitigkeiten geprägt. Erst nach über drei Jahren entspannte sich unsere Beziehung, die sich dann immer mehr zu einer Freundschaft entwickelte. Inzwischen verstehen wir uns so gut, dass wir uns entschlossen haben, unsere Aufzeichnungen zu veröffentlichen, die ein tiefes Verständnis für die typischen Dramen einer Patchworkfamilie ermöglichen. Sehr persönlich beschreibt die zunächst neunjährige Katharina ihre Ängste und Machtstrategien, um mich zu vertreiben. Indem sie die gleichen Situationen wie ich aus ihrer Sicht schildert, ist die erste Langzeitstudie einer Patchworkfamilie entstanden, die einen ungewöhnlichen Einblick in die Konflikte, aber auch das Gelingen einer Patchworkbeziehung gibt.

Ein solcher Einblick ist wichtig, um die Konflikte einer Patchworkfamilie zu begreifen und zu lösen. Doch Kinder verstecken meist ihre Ängste, sie teilen uns auch nicht mit, mit welchen Strategien und Gemeinheiten sie die Stiefeltern wegärgern wollen. Aber diese Ängste und Strategien muss ein Zweit-Vater bzw. eine Zweit-Mutter verstehen, um Situationen immer wieder zu entschärfen. Dann ist nach einigen Jahren eine entspannte Beziehung zwischen ihnen möglich.

Diese Erkenntnisse waren mir als Psychotherapeut zwar schon immer bewusst. Doch grau ist alle Theorie, wichtig sei immer die Reflexion der eigenen Erfahrung - meinte schon Goethe. Entscheidend war für mich daher, dass ich die Konflikte und Krisen in einer solchen Familie selbst erlebte. Nun wurde ich wirklich zum Experten. Deshalb ist unsere persönliche Langzeitschilderung die Basis unserer Untersuchung. Ergänzt wird sie dann aber durch eine fundierte Analyse der Patchworkfamilien. Dort zeigen wir auf, welche Schwierigkeiten zu bewältigen sind und vermitteln ausführlich die zwölf grundlegenden Hinweise, die zu einer guten Beziehung zwischen Stiefkind und Stiefeltern beitragen können.

Aber welche dramatischen Konflikte und welche bedeutenden Phasen dabei zu bewältigen sind, zeigen zunächst sehr eindrücklich unsere persönlichen Schilderungen.

An einem schwülen Sommertag ging ich zu einem Vortrag. Den Inhalt habe ich längst vergessen. Wichtig war nur: Neben mir saß Susanne, eine hübsche junge Frau, mit der ich mich lange unterhielt. Ich empfand sie als sehr attraktiv und lud sie zum Essen ein. Sie hatte mir eher beiläufig von ihrer Tochter erzählt und ich war begeistert. Ich ging davon aus, dass eine Mutter mit Kind über viel Sozialkompetenz verfügt. Das war doch fast eine Garantie für eine glückliche Partnerschaft. Ich träumte also von ruhigen Zeiten, von einer Beziehung, in der ich meine seelische Heimat finden würde. Ich träumte von harmonischer Zweisamkeit, interessanten Reisen, dem beständigen Glück.

Doch ich hatte mich gründlich geirrt. In Wirklichkeit begann nun, mit 48 Jahren, das Drama meines Lebens. Denn die neunjährige Tochter von Susanne fand es nicht komisch, dass sich eine Partnerschaft mit ihrer Mutter anbahnte. Jahrelang tobte bald eine Schlacht, die von Machtkämpfen und kleinen und großen Bosheiten geprägt war. Aber davon ahnte ich zunächst noch nichts. Völlig naiv ging ich eine Beziehung ein, in der ich zunehmend die Angriffe der Tochter abwehren musste - bis es eine überraschende Wendung gab.

Für mich begann nach der Scheidung meiner Eltern die gemeinsame Zeit mit meiner Mama. Ich war das einzige Kind meiner Eltern und sollte bei ihr aufwachsen. Zumindest war es so vorgesehen. Wir zogen in eine neue Wohnung und ich kam an eine andere Schule. Ich durchlebte viele Veränderungen in einem zunächst unbekannten Umfeld und fühlte mich nun nach der Anpassungsphase in Sicherheit. Doch es entwickelte sich alles ganz anders als gedacht.

An dem Tag, als mir ein neues Kleid versprochen wurde, sollte mein Leben noch einmal eine völlig neue Richtung bekommen. Meine Mama schlug eine Shoppingtour vor und nachdem ich mir ein tolles Kleid aussuchen durfte, gingen wir Nudeln beim Italiener essen. Auf dem Heimweg fing meine Mama plötzlich an rumzudrucksen. "Also, ich muss dir etwas sagen", kam es aus ihr heraus. "Also, naja, also, da, also ich habe da jemanden kennengelernt." Mir stockte der Atem. Was, sie hatte jemanden kennengelernt? Sollte ich meine Mama mit jemand Neuem teilen? Also, das ginge ja nun wirklich nicht, dachte ich mir. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Zuerst musste ich die Scheidung meiner Eltern verdauen, und nun sollte ich mich mit noch mehr Schwierigkeiten konfrontiert sehen? Ich hatte mich doch gerade erst an mein neues Leben gewöhnt.

Wir schwiegen uns einen Moment an, bis ich trotzdem mehr über diesen Störenfried wissen wollte. "Was macht er denn und wie heißt er?", fragte ich meine Mama. "Wolfgang heißt er und er ist Therapeut", antwortete meine Mama. Der Name Wolfgang klang in meinen Ohren irgendwie alt. Also musste ich unbedingt wissen, wie alt Wolfgang denn sei. "Mama, und wie alt ist der?", fragte ich sie. Meine Mama sagte, so genau wisse sie das gar nicht. Ich fragte mich, wieso sie das nicht so genau wisse, schließlich erkundigt man sich doch immer nach dem Alter. Ich war irritiert und mir wurde ganz mulmig. Ich wollte keine Veränderungen und keinen neuen Partner für meine Mama!

Ich hatte Susanne in mein Lieblingsrestaurant eingeladen, ein schöner Sommerabend ging zur Neige, wir ließen uns die indischen Gerichte schmecken und tranken Berliner Weiße. Die Stimmung war wunderschön und sehr entspannt, bis Susanne fragte: "Meine Tochter will wissen, wie alt du bist." Das kann ja heiter werden, dachte ich. Offenbar hatten Mutter und Tochter bereits miteinander gesprochen. Ich wusste das Alter von Susanne nicht, aber mir war klar, dass ich mindestens 15 Jahre älter war. Und ich ahnte, dass diese Tochter ein sehr aufgewecktes Geschöpf sein musste. Wahrscheinlich hatte sie in dieser Familie einen ziemlichen Einfluss. Mein Magen zog sich zusammen. Doch mein unbehagliches Gefühl schob ich bald beiseite. Susanne gefiel mir und mit Kindern war ich immer gut zurechtgekommen. In einer befreundeten Familie kümmerte ich mich regelmäßig um die Kinder. Wenn ich dort mit ihnen auf dem Sofa saß und Geschichten vorlas, war es mucksmäuschenstill.

Susanne war sehr liebenswürdig und so ähnlich stellte ich mir ihre Tochter vor. Vielleicht war sie ein wenig selbstbewusster, aber auf jeden Fall sehr nett. Irgendwann hatte ich dann zufällig Katharina am Telefon, als ich ihre Mutter anrufen wollte. Sie war höflich und neugierig, gleichzeitig jedoch etwas reserviert - schließlich kannten wir uns nicht.

Ich wusste, dass meine Mutter mit diesem Typen essen war und fragte sie am nächsten Morgen nur: "Wie alt?" Dann sagte sie mir, er sei fast 50. Ich rechnete nach, er war also mindestens 16 Jahre älter als meine Mutter. 16 Jahre!!! Ach, du grünes Ei, dachte ich mir. Der ist ja fast so alt wie mein Opa. Ich rechnete nach. Er könnte also theoretisch auch mein Opa sein. Das gibt es doch nicht. So ein alter Sack. Ich fragte mich, was meine Mama mit einem Opa will. Und was würde eigentlich mein richtiger Opa dazu sagen? Schließlich war der Papa meiner Mama erst Ende 50. Die waren also fast gleich alt. Mein richtiger Papa war noch 38 und so sollte es auch sein, fand ich. Papas haben ein bestimmtes Alter zu haben und nicht anders. Es gibt bestimmte Regeln in einer Welt, Regeln, die mir bisher so vorgelebt wurden. Außerdem fragte ich mich, wie der Vater meiner Mama, also mein Opa dies alles kommentieren würde.

Und dann kam der Typ auch noch aus dem Westen. Ich war im Osten aufgewachsen, genauer gesagt: In Ost-Berlin. Bei meiner Geburt stand die Mauer noch. In meiner Familie hieß es ständig: Wir sind aus dem Osten. Und die Westler: Die waren immer so eingebildet und arrogant. Sie dachten nur an sich und das Geld.

Das ist ja toll - dachte ich. Er ist ein Wessi und dann auch noch so alt wie mein Opa. Ich fand, dass das mit Mama und Wolfgang nicht gut gehen könnte und dass Wolfgang als neuer Partner meiner Mama nicht in Frage kam. Ich sagte allerdings nichts zu ihr, schließlich wollte ich sie nicht verärgern. Zudem wollte meine Mama nach einiger Zeit das Gespräch aufhellen. Ganz freudig meinte sie zu mir, dass ich den Wolfgang bald kennenlernen würde. Irgendwie interessierte mich das eigentlich nicht, denn ich fand, dass ihre Partnerschaft mit Wolfgang sowieso nicht funktionieren könnte.

Ich fragte mich, wer alles bereits etwas über Wolfgang erfahren hatte. Ob mein Opa vielleicht doch schon davon wüsste? Insgeheim hoffte ich, dass Opa das nicht erlauben würde und der Mama sagen würde, dass das mit Wolfgang nicht geht. Ich stellte mir Wolfgang im Kopf vor - ein Mann mit grauen Haaren, großer Brille und vielen Falten. So musste wohl dieser Wolfgang aussehen. Alt und verschrumpelt, so wie ein Opa aussieht.

Nun schwirrte mir aber noch eine andere Frage durch den Sinn. Werde ich noch ein Geschwisterchen bekommen, spukte es in meinem Kopf umher. "Hat dieser Wolfgang denn Kinder?", fragte ich meine Mama. "Nein, hat er nicht", meinte meine Mama. Puh - dachte ich sofort, das ist schon mal geklärt und fragte weiter: "Willst du noch Kinder bekommen?" "Nein" - sagte lachend meine Mutter. Da war ich doch sehr erleichtert. Wenigstens etwas, dachte ich mir. Wolfgang hatte damit einen Pluspunkt bekommen. Obwohl jemand in der Familie zum Spielen vielleicht auch nicht schlecht gewesen wäre, aber dann müsste ich meine Mama teilen und das ginge nicht.

Mama fuhr weiter fort. "Und Wolfgang kann richtig gut kochen." Das werden wir ja sehen, dachte ich mir. "Und Wolfgang ist ein begeisterter Fahrradfahrer", hieß es weiter. "Aha", dachte ich mir. Fahrradfahren? Darauf habe ich eigentlich keine Lust.

"Wohnt der Wolfgang dann auch bei uns?", wollte ich noch wissen. "Nein, Katharina. Wir wohnen erst einmal getrennt, der Wolfgang hat eine eigene Wohnung, er wird ab und zu zu uns kommen", meinte meine Mama. Sehr gut, dachte ich mir. Obwohl - was heißt hier eigentlich ab und zu? Das müssen wir noch klären, aber meine Mama macht das schon einmal gut, dass der Wolfgang nicht bei uns wohnt.

Meine Mama versuchte mir weiter zu versichern, dass dieser Wolfgang wirklich ein ganz toller Partner sei und sogar schon ein kleines Geschenk für mich hätte. Mich interessierte das nicht, denn ich wollte vor allem eines nicht: Meine Mama mit jemandem teilen.

Als ich Susanne drei Wochen kannte, machte sie mir einen Vorschlag: "Ich würde gern ein Treffen arrangieren, damit du meine Tochter kennen lernst." Toll - dachte ich. Mit fremden Kindern hatte ich nie Schwierigkeiten. Ich hatte mir zwar nie vorstellen können, eigene Kinder zu bekommen. Meine Mutter war extrem schwierig, ich wuchs teilweise bei meiner Großmutter auf. Jedenfalls waren meine Familienerfahrungen ziemlich belastet und zudem wären eigene Kinder eine Bedrohung für meinen ausgeprägten Wunsch nach Autonomie gewesen. Doch gleichzeitig kümmerte ich mich überall um die Kinder meiner Freunde und übernahm sogar feste Patenschaften. Ich machte mit ihnen Schularbeiten, traf mich regelmäßig mit ihnen, ich las ihnen Gute-Nacht-Geschichten vor, ich war der liebe Onkel, der immer für sie Zeit hatte.

Oft fand ich den Kontakt mit den phantasievollen Kindern inter-essanter als den mit Erwachsenen. Ich blickte also dem Kennenlernen sorglos entgegen und fragte Susanne vorher, was ich ihrer Tochter mitbringen könnte. Sie erzählte mir von Katharinas Lieblingsbüchern und deshalb kaufte ich einen Roman über die Freundschaft zwischen zwei Mädchen. Voller Erwartungen ging ich zu unserer ersten Begegnung und wusste: Katharina wird mich mögen.

Susanne hatte ein Treffen in einem kleinen Café arrangiert und dort sah ich schließlich das sehr aufgeweckte junge Mädchen, das mich neugierig und mit skeptischem Blick musterte. Es war ein hübsches Mädchen, das überhaupt nicht schüchtern wirkte, eher etwas altklug und ziemlich durchsetzungsfähig. Sie war erst neun Jahre alt - also am Beginn der Pubertät.

Nach dem ersten Kontakt war ich beruhigt. Das wird schon, dachte ich mir. Katharina war zwar nicht gerade überschwänglich liebenswürdig, aber sie war auch nicht ablehnend. Deshalb war ich völlig davon überzeugt, dass ich mich mit ihr gut verstehen würde. Nach einigen Wochen, spätestens nach ein bis zwei Monaten würde es vertraute Gespräche und intensive Diskussionen geben. Ich dachte nicht im Traum daran, dass Schwierigkeiten auftreten könnten. Dass ich Susanne mit der Tochter teilen müsste, schien mir unproblematisch. Ich war nicht eifersüchtig und ging optimistisch davon aus, dass Katharina eine Bereicherung meines Lebens werden würde.

Heute sollte ich also endlich Wolfgang kennenlernen. Mir war schon ganz bange. Ich erwartete einen alten Mann mit grauen Haaren und einer großen, dicken Brille. Meine Mama hatte sich dazu entschlossen, dass unser erstes Treffen an einem neutralen Ort in einem Café stattfinden würde. Sie konnte meine Anspannung fühlen und sagte: "Katharina, mach dir keine Sorgen, Wolfgang ist sehr nett und tut mir gut und du wirst ihn sicher auch gut leiden können." Ich wollte ihr nicht so richtig glauben.

Dann ging die Tür vom Café auf und ein mittelalt aussehender Mann trat ein. Wolfgang trug eine Brille, aber sie war halbwegs akzeptabel. Ja, er hatte Falten, doch er sah nicht so alt aus wie ich dachte. Er war viel größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er begrüßte meine Mama mit einem Küsschen auf die Wange und kam auf mich zu. "Hallo Katharina, schön, dich kennenzulernen." Meinte er das im Ernst? Er hatte eine wirklich tiefe Stimme, doch sie klang trotzdem nett.

Ich murmelte: "Hallo, ja, nun lernen wir uns kennen." Wir setzten uns und bestellten Tee und Kaffee. Wolfgang begann, mir einige Fragen zu stellen. "Wie alt bist du Katharina und in welche Klasse gehst du?", wollte er wissen. Als wenn er das nicht wüsste, dachte ich mir. "Ich bin fast zehn und gehe in die 4te Klasse", teilte ich ihm mit. "Ach schön, ich bin in der Mark Brandenburg aufgewachsen, aber ich ging in Berlin zur Schule… damals haben wir immer….." Oh nein, dachte ich. Nun fängt er mit Geschichten von früher an, das kann ja heiter werden

Zum Glück wechselte er nach zwei Minuten das Thema, um sich auf die Zukunft zu konzentrieren. "So, nun werden wir uns öfter sehen und werden auch mal eine Fahrradtour zusammen machen." Oh nein, dachte ich mir wieder. Ich muss ihn jetzt wirklich öfter sehen, dabei will ich das doch gar nicht. Wolfgang war nicht unfreundlich, aber ich hatte einfach kein Interesse daran, ihn weiter kennen zu lernen und mit ihm meine Mama teilen zu müssen. Ich wollte ihn nicht in meinem Leben. Als Bekannter meiner Mama ja, aber nicht als Stiefvater. Nicht jemand, mit dem ich mehr Zeit verbringen müsste.

Ich entschloss mich dazu, dass Wolfgang zwar der Partner meiner Mama sein konnte, aber ich ja nicht so freundlich zu ihm sein müsste wie meine Mama. Wolfgang sollte nicht mein Partner werden. Wir verabschiedeten uns nach einer Stunde und ich durfte mit meiner Mama an der Hand nach Hause gehen. Meine Mama sagte bestimmend: "Mensch, das war doch ein schönes Treffen. Ihr habt euch doch gut verstanden!"

Normalerweise redet meine Mama nicht so bestimmend mit mir. Ich entgegnete ihr, dass ich sie lieber für mich alleine hätte und sie Wolfgang gar nicht bräuchte, weil sie doch mich habe. Meine Mama schmunzelte nur leise und sagte, dass ich sie auch habe, Wolfgang sei sozusagen nur zur Unterstützung da. Er sei nicht dazu da, um mich zu verdrängen. Ich sei die Nummer eins. Gut, dachte ich mir, dann sollte das aber auch dieser Wolfgang wissen. Irgendwie war ich mit Mamas Aussage beruhigter.





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