Dr. Wolfgang Krüger
Psychotherapeut und Buchautor
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Leseprobe

Humor für Anfänger und Fortgeschrittene

Wir können den Wind nicht ändern,
aber wir können die Segel richtig setzen.
Aristoteles

Der Humor ist der Schlüssel zum Lebensglück. Das ist die zentrale Erkennt-nis meiner Studien, die vor 25 Jahren begannen. Damals war ich 45 Jahre alt, das Leben hatte mich schon einige Male durchgerüttelt und ich spürte gele-gentlich den Wunsch, in der zweiten Lebenshälfte gelassener mit der krän-kenden und versagenden Welt umzugehen. Daher wählte ich für die kom-menden Jahre den Humor zum Schwerpunktthema meiner therapeutisch-wissenschaftlichen Arbeit. Ergänzen wollte ich meine Studien durch eine Um-frage, die ich an über 100 Prominente verschickte. Ausgehend von ihrer ge-sellschaftlichen Vorbildfunktion stellte ich ihnen die Frage:

"Wie haben Sie es in Ihrem wechselhaften Leben geschafft, Ihren Humor zu behalten?"

Ich war erstaunt und beglückt über die vielen sehr ausführlichen und persön-lichen Antworten. Doch leider war ich selbst dem Thema noch nicht gewach-sen. Zu sehr spürte ich im Alltag, dass mein eigener Humor begrenzt war. Ich wollte nichts schreiben, was nicht meiner eigenen Entwicklung entsprach und so erschien nur eine sehr kleine Auflage, die ich als ‚Versuch' empfand. An-sonsten legte ich das gesamte Material in die Schublade, um es mehr als zwanzig Jahre später meiner Frau zu zeigen. Sie ermutigte mich sehr, endlich das Buch zu vollenden und die wunderbaren Briefe einem größeren Lesepub-likum vorzustellen. Nochmals schrieb ich Prominente an, doch inzwischen leben wir im Zeitalter der Datenflut. Ich erhielt einige wenige nachdenkliche Briefe, aber ansonsten bekam ich kaum Resonanz und begriff, wie wertvoll jene Briefe waren, die mich vor mehr als zwei Jahrzehnten erreicht hatten. Es waren ungewöhnlich persönliche Antworten, oft auf mehreren Seiten, häufig handgeschrieben. Es ist deutlich zu spüren, wie sehr sich die Schreibenden mit dem Humor beschäftigten, um mir dann ihre Gefühle, Gedanken und biographischen Anekdoten mitzuteilen. Astrid Lindgren schrieb mir auf einer alten Schreibmaschine, Gerhard Schröder überraschte mich mit Betrachtun-gen über den Umgang mit seinem Hund, Ralph Giordano berührte mich mit seinen Schilderungen, wie er zusammen mit seinen Brüdern im Nationalsozi-alismus die ständige Angst weglachte. Solche Briefe waren nur möglich in einer Zeit, in der man noch nicht von Anfragen überflutet wurde und sich beschaulicher der Beantwortung einer Frage widmen konnte. Dadurch ent-halten die Briefe eine intensive Achtsamkeit und ein Nachdenken über sich selbst, welche die eigentlichen Quellen des Humors sind. Um ihn zu verste-hen, müssen wir unser Leben enträtseln und sowohl unsere Fähigkeiten, als auch unsere Konflikte begreifen. Mit der Altersweisheit von inzwischen 70 Jahren ist mir das soweit gelungen, dass ich nun meine jahrzehntelangen Stu-dien zum Humor vollenden konnte. Ich danke allen Prominenten und vor allem auch meiner Frau Bärbel Rothhaar für ihre große Unterstützung.


Wolfgang Krüger







Der Humor nimmt die Welt hin, wie sie ist,
sucht sie nicht zu verbessern und zu belehren,
sondern mit Weisheit zu ertragen.
Charles Dickens

Humor ist lebenswichtig

Mein Lieblingsfilm ‚Alexis Sorbas' ist von Tragik und Dramatik geprägt. Ein Bergwerk stürzt teilweise ein und Liebestragödien führen zu einem Lynch-mord und einem Suizid. Und dann stürzt auch noch die fertige Seilbahn zu-sammen, die Alexis Sorbas bauen ließ, um Baumstämme zu transportieren. Doch Sorbas bricht nicht zusammen, sondern freut sich: "He Boss, hast Du jemals etwas erlebt, das so schön zusammengekracht ist?" Und dann lacht und tanzt Alexis mit seinem Boss, der sein ganzes Geld verloren hat, Sirtaki. Dieser Film wurde für mich zu einem Vorbild für eine humorvolle Lebenshal-tung. Denn gerade in der Perfektionsgesellschaft, in der wir leben, sollten wir lernen zu lachen, wenn wir im Alltag scheitern.

Trotz Schwierigkeiten lachen

Immer wenn ich diesen Film sehe, wird mir klar: Wir können glücklich sein, auch wenn unser Leben schwierig verläuft und von den fast unvermeidlichen Enttäuschungen und Kränkungen geprägt ist. Wir können glücklich sein, wenn wir es schaffen, die kleinen und großen Schwierigkeiten wegzulachen. Tatsächlich gelingt dies 23% aller Deutschen und die Frage ist: Was machen sie richtig? Warum können sie trotz aller Schwierigkeiten lachen? Und wa-rum leiden die restlichen 77% unter einem massiven Humordefizit?

Die Ohnmachts-Allmachtspirale

Die große Mehrheit der Befragten meinte, sie hätten zwar in den normalen Zeiten des Lebens durchaus Humor. Doch bei allen größeren Belastungen würde ihnen der Humor vergehen. Offenbar verlieren wir ihn leicht, wäh-rend uns die von Angst und Ärger getönten Stimmungen sehr vertraut sind. Dann unterschätzen wir häufig die Bedeutung des Humors. Schließlich be-eindruckt er uns nicht mit einer heldenhaften Entschlossenheit und selbst Gefühle von Wut und Zorn wirken zunächst durch die Größe ihrer Wucht. Und doch kann uns der Humor ein Gefühl der Größe in einer Situation ver-mitteln, die wir zunächst nicht ändern können. Und weil wir alle unaufhör-lich schwierigen Belastungssituationen ausgesetzt sind, ist der Humor so wichtig für unser Lebensglück.

Wir müssen kleine oder schwerwiegende Krankheiten bewältigen, die Part-nerschaften, die Arbeit und die Kindererziehung sind gelegentlich anstren-gend und mühselig. Sehr leicht führt dies bei den meisten Menschen zu ei-nem resignativen Ohnmachtsgefühl. Dies wird jedoch massiv durch eine ge-sellschaftliche Grundstimmung verstärkt, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Noch in der Studentenbewegung gab es eine Aufbruchsstim-mung und die Hoffnung auf eine bessere Welt. Für die meisten ist dies längst Vergangenheit und jetzt empfinden sie, dass ihr Leben von mächtigen Fakto-ren bestimmt und eingeengt wird, die sie nicht steuern können: Die zuneh-mende Klimakatastrophe, die nicht endende Euro-Krise, die Flüchtlingswelle und die Tatsache, dass in vielen Ländern Regierungen an die Macht kommen, deren Programm von einem unverkennbar autoritären Geist geprägt ist. Angst macht sich breit und in einer Allensbacher Neujahrsfrage im Jahre 2016 zeigte sich, dass immer weniger Menschen der Zukunft gelassen entgegen sehen. Wir werden resignativ.

Aber diese Resignation unterscheidet sich sehr von der unserer Großeltern. Diese nahmen fast fatalistisch die Unwägbarkeiten ihres Schicksals an, das sie nicht beeinflussen konnten. Soziale, religiöse und politische Strukturen waren autoritär geprägt und wurden von den meisten als nicht veränderbar akzep-tiert. Doch wir bäumen uns gegen die Widrigkeiten unseres Lebens auf und können tragische Ereignisse oft nicht akzeptieren. Vielmehr wollen wir die Zusammenhänge unseres Lebens begreifen und steuernd eingreifen. Wir ha-ben den Anspruch, über unser Leben zu bestimmen und so feiern alle Theo-rien Hochkonjunktur, die uns vorgaukeln, wir seien die Schöpfer unseres Lebens. Man denke nur an die amerikanische Bewegung Christian Science, die davon ausgeht, man könne jede Krankheit durch geistige Kräfte überwin-den. Man kann sich ihre Krise vorstellen, als ihre Gründerin trotzdem starb. Und ich erinnere mich noch deutlich an die Botschaft ‚Forever Young' von Ulrich Strunz. Das Älterwerden könne man durch seine Bewegungspro-gramme aufhalten - versprach er. Millionen seiner Bücher wurden verkauft, er bekam riesige Gagen als Redner. Doch dann stürzte er mit seinem Rennrad und verletzte sich schwer.

Hybris ist offenbar gefährlich. Wir brauchen einen gesunden Realismus und müssen unsere Grenzen erkennen, müssen bodenständig bleiben und begrei-fen, wie sehr wir mitunter dem Schicksal ausgeliefert sind. Wenn wir über-triebene Ansprüche an das Leben stellen, werden wir nicht nur enttäuscht, sondern unsere Resignation verstärkt sich, weil wir die realen Möglichkeiten des Lebens nicht mehr erkennen.

Offenbar liegt die Grundproblematik unseres Daseins in einer Ohnmachts-Allmachts-Spirale, die sich wechselseitig verstärkt. Sie prägt unser Leben und daher haben sich seit Jahrhunderten zahlreiche Philosophen damit beschäf-tigt. Sie zeigen uns, wie wir diese Spirale überwinden und das Leben sowohl mit seinen schönen Seiten, aber auch seiner Tragik und Dramatik gelassen ertragen und mitunter sogar genießen können. Und sie haben jenen Stoß-dämpfer des Lebens gefunden, der unsere Sorgen abfedert und uns auch schwere Krisen überstehen lässt. Auf diesen Stoßdämpfer hat schon Kant vor 200 Jahren hingewiesen. Denn er war davon überzeugt, der Himmel habe uns als Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens vor allem den Humor mitgegeben.

Tatsächlich ist der Humor der wichtigste Schlüssel zu unserem Glück. Er ist die Eigenschaft, die unser Leben grundlegend verbessern kann. Der Anthro-pologe Plessner meint sogar, nur der Mensch könne humorvoll sein, dies sei die Folge seiner exzentrischen Position im Leben. Der Mensch sei im Leib und gleichzeitig in der Welt. Dadurch könne er einen Abstand zu sich und zum Leben gewinnen, er könne über sich nachdenken und über sich und die zu bewältigenden Schwierigkeiten lachen.

Diese positiven Kräfte des Humors wurden lange unterschätzt. Zu sehr war der Mensch auf das Überleben programmiert. Er musste daher immer auf das Schlimmste gefasst sein, um Gefahren abzuwehren. Ängste waren in ihrer Signalfunktion wichtig, Ärger und Wut dienten dazu, in Bedrohungssituatio-nen alle Kräfte zu mobilisieren. Doch nun ist zumindest für Westeuropa seit Jahrzehnten eine völlig neue Lebenssituation entstanden. Seit 70 Jahren gibt es keinen Krieg auf deutschem Boden und ökonomisch geht es uns ver-gleichsweise gut. Gemessen zum Leben unserer Großeltern und Eltern kön-nen wir uns - trotz aller Probleme und Bedrohungen - über ein relativ glück-liches Dasein freuen. Nun können wir uns auch mit den positiven Gefühlen wie Freude, Heiterkeit und dem Humor beschäftigen.

Für unsere innere Gelassenheit ist der Humor unverzichtbar - damit wir den Alltag überstehen können, damit wir jenes Irrenhaus des Lebens weglachen können, in dem wir uns alle gelegentlich befinden. So schrieb mir auch der gesellschaftskritische Künstler Klaus Staeck, nur mit Humor könne er den Wahnsinn unserer Zeit im Zaum halten: "Immerhin bietet er die Chance, sich selbst nur als winzigen Teil des Nabels der Welt zu sehen, nicht einem Fun-damentalismus gleich welcher Spielart zu verfallen. Humor schafft für mich Nähe durch Distanz. Humor macht frei."

Wenn wir an dem Irrsinn dieser Zeit nicht verzweifeln wollen, müssen wir das Weltgeschehen aus einem größeren Abstand sehen. Dann wird deutlich, dass die Gegenwart erheblich friedlicher ist als frühere Zeiten. Zwar sind die Opferzahlen durch Kriege in den letzten Jahren wieder gestiegen und die Flüchtlingszahlen sind erschreckend. Der Terrorismus hat weltweit zuge-nommen, aber die Konflikte im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Korea-krieg haben erheblich mehr Todesopfer verursacht. Daher kam das Institute for Economics and Peace (IEP) zu der Erkenntnis, der Weltfrieden habe große Fortschritte gemacht. Angesichts der aktuellen Entwicklungen mag dies er-staunen, aber die Geschichte lehrt, dass frühere Jahrhunderte noch viel bruta-ler waren als die Gegenwart.




Der Humor bewirkt, dass wir nicht in den alltäglichen Sorgen versinken, sondern den Überblick behalten. Insofern ist er der Rettungsanker unseres Lebens. Er hilft uns, über das Leben zu lachen oder zumindest zu lächeln, auch wenn wir uns wie eine Billardkugel des Schicksals fühlen. Selbst wenn wir machtlos sind, bleibt uns noch immer die Kraft des Humors, mit dem wir uns aus der Position des Opfers in die Einstellung einer inneren Überlegen-heit bringen können. Wir sind dann nicht mehr ohnmächtig, sondern es fin-det eine Revolution im Kopf statt.

Sie kennen sicher die Geschichte mit den beiden Mäusen, die in ein Glas Milch fallen. Und viele Stunden strampeln, da sie nicht sterben wollen. Doch eine Maus resigniert bald und geht unter. Ihre kleine Freundin ist verzweifelt, es bricht ihr kleines Mäuseherz, aber entschlossen kämpft sie weiter, bis auch ihre Kräfte nachlassen. Da fällt ihr ein, dass ihre Mutter einmal sagte, im Pa-radies würde man in Sahne und Honig baden. "Dann ist ja alles in Sahne." - kichert sie piepsend und strampelt wie wild mit ihren Mäusebeinen. Sie ist am Ende ihrer Kraft, als sie schließlich nach einigen Stunden festen Boden unter den Füßen verspürt. Sie ist gerettet, denn sie hat die Sahne zu Butter geschlagen.

Das Mäusebeispiel zeigt, wie vital der Humor sein sollte. Deshalb geht es mir nicht in erster Linie um den harmlos, liebenswürdigen Humor im Lebens-winkel. Ich stimme sehr dem Schriftsteller Adolf Muschg zu, der eine Ein-schätzung über jene Menschen vornahm, die nur verhalten ‚trotzdem' lachen:

"Dieser Humor ist an seiner Tauglichkeit für die böse, fremde und undurch-sichtige Welt verzweifelt und behauptet wenigstens seine Nische darin. Ge-gen diesen Humor zeugt ... seine Harmlosigkeit. Denn sie garantiert auf ihre still-vergnügte Art das Fortbestehen der unerträglichen Verhältnisse, vor de-nen sie sich wegduckt wie der Hund vor dem Schlag. Nun ist er unter den Tisch geflohen und redet sich ein, da sei er vor den Fußtritten am sichersten."

Wie lebensrettend der aktive Humor sein kann, zeigt das dramatische Bei-spiel einer Expedition, die in der Hölle des südamerikanischen Urwalds nahe am Aufgeben war. In der tropischen Sumpfhitze erschlafften Forscher und Träger zunehmend und der Proviant drohte auszugehen. Immer schwerer fiel es dem Expeditionsleiter, die Kolonne zum Weitermarschieren zu motivieren. Schließlich folgte niemand mehr seinen Anweisungen. Jeder lag am Boden, keiner rührte sich, alle bereiteten sich auf den Tod vor. Doch plötzlich ertönte aus einer Ecke ein Lachen. Etliche hoben ihren Kopf, einige Gestalten richte-ten sich auf und schließlich blickten alle auf den Mann, der lächelnd auf sei-ner Plane lag. Es sah nicht danach aus, dass er verrückt geworden war. Viel-mehr steigerte sich nun: "… sein Schmunzeln zu einem belustigten Glucksen, und langsam, jedes Wort deutlich formend, zitierte er Wilhelm Buschs be-rühmtes Verspaar: 'Denn hinderlich, wie überall, ist hier der eigne Todesfall.' Es war, als hätte ein leuchtender Blitz gezuckt."

Bald war hier und dort ein überraschendes Lachen zu hören, einer nach dem anderen bewegte sich - bis sich alle auf den Aufbruch vorbereiteten. Noch vor wenigen Minuten hatte man sich zum Sterben hingelegt und nun machte man sich ärgerlich und fluchend wieder auf den Weg. Und obwohl es in den kommenden Tagen mitunter schier unüberwindliche Schwierigkeiten gab, war die Lähmung endgültig überwunden.

Auch unser Leben ist eine Expedition mit Höhen und Tiefen und beschwerli-chen Wegstrecken. Häufig müssen wir seelische Durststrecken überwinden und Ängste aushalten und unser Lebensmut wird auf eine harte Probe ge-stellt. Dann sind wir auf unseren Humor angewiesen, um durchzuhalten und nicht aufzugeben. Das bestätigte mir auch Astrid Lindgren in einem sehr be-rührenden Brief. Sie schrieb: "Ich bin in einer Gegend von Schweden geboren, wo die Menschen eigentlich sehr humorvoll sind. Nur weil es eine arme Ge-gend immer gewesen war und die Menschen brauchten den Humor, um zu überleben."




Doch die fast unüberwindbar scheinende Schwierigkeit besteht darin, dass wir gerade dann über fast keinen Humor verfügen, wenn wir dringend auf ihn angewiesen sind. Denn unseren Humor müssen wir zunächst dem Leben abringen, bevor er zu einem inneren Impuls wird. Dies setzt voraus, dass wir die geheimen Wege des Humors finden und beharrlich verfolgen. Dies erfor-dert - in unserer schnelllebigen Zeit - Ausdauer und Geduld. Aber wir wer-den reich belohnt und wenn wir schließlich unsere Lebensprobleme wegla-chen, hat er eine regelrechte Befreiung zur Folge. So sagte mir der Schlager-sänger Roland Kaiser in einem Gespräch: "Immer in Situationen, in denen der Spaß aufgehört hat, hat mich der Humor befreit." Ich schrieb Roland Kaiser, nachdem ich einen ‚Tatort' gesehen hatte, in dem er sich selbst ‚auf die Schip-pe' nahm. Und so war es für mich sehr glaubhaft, dass er meinte: "Ich habe dann alles relativieren können. Der Humor war für mich extrem wichtig."

Dieser Humor ist der Kern unserer seelischen Stabilität, da er auch dann wirksam ist, wenn wir die äußeren Gegebenheiten nicht ändern können, weil wir dem Schicksal ausgeliefert sind. Das war auch die Erkenntnis von Ralph Giordano, der mit einer jüdischen Mutter aufwuchs und oft unter Todesängs-ten litt. In einer sehr bewegenden Schilderung erinnert er sich: "Noch unter den grausamsten Bedingungen, also in der Nazizeit, war er wirksam, etwa, wenn wir ‚jüdelten'. Das waren heimliche Tänze, bei denen wir drei Brüder uns in greinende, mauschelnde, säbelbeinige Krüppel verwandelten, an deren Anblick sich jeder Judenfeind geradezu berauscht hätte - und die doch nichts anderes waren, als durch die groteske Überhöhung der antisemitischen Kari-katur eben diesen Feind zu übertrumpfen und damit lächerlich zu machen."

Ich war sehr beeindruckt, dass der Humor offenbar selbst dann seine befrei-ende Wirkung entfaltet, wenn wir verfolgt, erniedrigt und bedroht werden.

Gerade in Existenzkrisen hilft uns der Humor, nicht zu verzweifeln und in Ängsten zu versinken. Deshalb ist die Tatsache dramatisch, dass der Humor eher Seltenheitswert hat. Das beginnt bereits damit, dass es sehr schwierig ist, ihn wissenschaftlich zu erfassen, da es sich hierbei um sehr tiefe, emotionale Prozesse handelt.








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