Dr. Wolfgang Krüger
Psychotherapeut und Buchautor
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Leseprobe

Die Geheimnisse der Großeltern

Beobachte, was früher war,
dann weißt du, was kommen wird.

Aus China

Warum sind manche Menschen seelisch stabiler als andere? Sie sind ausgeglichener, bewältigen Prüfungen leichter, können mit Kritik und Enttäuschungen besser umgehen und sind zufriedener. Und sie sind sogar glücklicher in der Liebe. Was also ist das Geheimnis ihres Lebens? Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit langem. Mir selbst ging es früher oft so, dass ich das Leben als anstrengend empfand. Jeden Morgen begann ich vom neuem, meine Tagesstimmung aufzubauen. Ich nannte es: Die Fahne hochziehen. Deshalb bewunderte ich jene Menschen, die innerlich über eine bessere seelische Stabilität verfügten. Und es erstaunte mich, dass auch jene Menschen mitunter halbwegs zufrieden waren, die nicht gerade eine sehr glückliche Kindheit hatten. Trotzdem waren sie seelisch belastungsfähig und blickten der Zukunft eher optimistisch entgegen. Und auf diese Weise bewältigten sie Krisen und schwere Erkrankungen ebenso wie die Trennung ihres Partners. Diese Fähigkeit wird heute als Resilienz bezeichnet. Man meint damit die seelische Widerstandsfähigkeit, also das Immunsystem der Seele. Was also zeichnet diese Menschen aus? Auch sie erleben tragische Momente, werden enttäuscht und verletzt - und verlieren doch den Glauben an sich und das Leben nicht. Doch was sie immer prägt, ist die Tatsache, dass sie sich nicht allein fühlen.

Kennen Sie das Märchen ‚Sterntaler'? Nachts steht ein kleines Mädchen völlig allein auf einem Feld. Es fühlt sich von aller Welt verlassen. Dies Gefühl der Einsamkeit ist die größte Gefährdung unseres Lebens. Seelische Stabilität gewinnen wir vor allem durch viele kleine unsichtbare Bindungsseile. Eine Liebesbeziehung und Freundschaften sind hierzu wichtig, aber dies reicht nicht aus. Dies wären nur die aktuellen Beziehungen, doch der Tiefgang unseres Lebens ergibt sich aus unserer Vergangenheit. So wie ein Segelboot über einen tiefen Kiel verfügt, damit es kaum kentern kann, brauchen wir die Verankerung im Leben unserer Vorfahren.

Wir alle sind Teil einer Generationenkette und wenn wir dies empfinden, sind wir nie ganz allein. Dann sind wir ein Teil der Menschheit und übernehmen das Erbe unserer Vorfahren. Die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck hat dies immer so empfunden. Obgleich sie sowohl in Amerika als auch China aufwuchs, erinnerte sie sich, dass sie stets wusste "woher ich stamme… wir waren Amerikaner, und ich hatte selbst ein Heimatland, wo in einem großen weißen Haus meine Verwandten lebten. Es waren ganze Generationen von uns dort, die alle zusammengehörten. So sollte ein Kind fühlen, und wenn es in einem solchen Gefühl verankert ist, kann es über den ganzen Erdteil wandern, ohne jemals einsam zu sein." Daher kommt auch Erich Kästner zu der Überzeugung, wir müssten uns an unsere Vorfahren erinnern, denn ohne sie "…wäre man im Ozean der Zeit, wie ein Schiffbrüchiger auf einer winzigen und unbewohnten Insel, ganz allein. Mutterseelenallein. Großmutterseelenallein. Urgroßmutterseelenallein."

Offenbar sind seelische Wurzeln für uns lebenswichtig. Dies zeigte sich eindrucksvoll in einer Umfrage, die ich in den letzten Jahren durchführte. Ich fragte jeweils 100 Frauen und Männer: "Interessieren Sie sich für Ihre Großeltern?" Wenn das die Befragten bejahten, waren sie nicht nur erheblich glücklicher, sondern ihre Partnerschaften wesentlich länger. Wir sollten daher versuchen, viel über unsere Großeltern zu erfahren. Aber dies ist schwierig, denn oft erzählen Großeltern wenig über sich. Und wenn sie reden, verschweigen sie entscheidende Punkte ihrer Lebensgeschichte. Dies ist tragisch, denn wir verlieren unsere Wurzeln, wenn unsere Vorfahren nichts von den Katastrophen ihres Lebens berichten und alle Probleme verharmlosen. Doch wir verlieren nicht nur unsere Wurzeln. Unser eigenes Leben wird zu einem Blindflug, wenn wir die Vergangenheit unserer Großeltern nicht kennen. Wir wissen dann nicht, woher wir kommen, welche seelischen Erbschaften es gab und wir verstehen unser ‚seelisches Betriebsprogramm' nicht, das unser Leben steuert.

Vielleicht haben Sie manchmal auch das Gefühl, dass Ihr Leben fremdbestimmt ist. Zwar begannen Sie mit großem Enthusiasmus, Ihr Leben zu planen: Sie haben sich für einen Beruf entschieden, haben eine Familie gegründet, kümmern sich um die Kinder. Vielleicht sind wichtige Lebensziele in Erfüllung gegangen. Doch irgendwann spüren Sie, dass Sie mit zentralen Lebenswünschen scheitern. Sie leiden unter Stimmungsschwankungen, die Liebe bröckelt und Sie werden zunehmend nachdenklich. Zwar nehmen Sie immer wieder einen Anlauf, um Ihr Leben zu ändern. Aber schließlich müssen Sie begreifen, dass alle Bemühungen begrenzt sind. Den Computer können Sie steuern, die Karriere planen, Sie richten sich nach Fitnessprogrammen und gehen regelmäßig zum Yoga, um Ihre innere Mitte zu finden. Aber in Ihrer Lebensplanung fühlen Sie sich manchmal so ferngesteuert, als würden Sie wie eine Marionette an feinen Fäden hängen. In dieser Lebensphase sollten Sie mit der Erforschung Ihrer Vergangenheit beginnen. Vielleicht fangen Sie damit an, dass Sie sich für Ihre Kindheit interessieren und Gespräche mit Eltern und Geschwistern führen. Das ist hilfreich, aber Sie werden nach einiger Zeit spüren, dass die Erforschung Ihrer eigenen Kindheit zu kurz greift. Sie müssen auch die Eltern der Eltern verstehen. Sie müssen sich für Ihre Großeltern interessieren, um das eigene Leben zu begreifen. Unser Innenleben hängt sehr stark davon ab, was in den Generationen vor uns passierte. Deshalb habe ich vor einigen Jahren damit begonnen, mich mit dem Thema Großeltern zu beschäftigen und bin noch immer davon fasziniert

Seit langer Zeit erforsche ich jetzt als Therapeut, wie sich das Leben der Großeltern auf meine Patienten auswirkt. Ich habe immer wieder erlebt, dass dadurch die Patienten nicht nur ihr eigenes Leben plötzlich besser verstanden. Vielmehr stieg durch dies größere ‚Bewusstsein' auch ihr Selbstbewusstsein sehr stark an und sie entwickelten eine Lebensfreude, die sie früher nie für möglich hielten. Ich will Ihnen daher in diesem Buch helfen, Ihre eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten. Schritt für Schritt werde ich aufzeigen, wie Sie vorgehen können. Und ich werde dies vor allem am Beispiel meiner eigenen Familienforschung tun. Ich habe sehr viele Bücher über Familienforschung gelesen und die meisten wirkten merkwürdig distanziert. Ich spürte deutlich: Es reicht nicht aus, wenn man Expertenwissen vermittelt. Man muss selbst diesen aufregenden Weg der Familienforschung beschreiten. Dann kann man auch die Schwierigkeiten, die Höhen und Tiefen dieser Generationenforschung vermitteln. Deshalb streue ich nicht eine Vielzahl anonymer Falldarstellungen in den Text ein. Vielmehr werde ich immer wieder die eigenen Familienrätsel beschreiben und dabei aufzeigen, wie ich mich durch die Reise in die Vergangenheit veränderte. Ein Ziel steht für mich dabei im Vordergrund: Sie sollen selbst zum Familienforscher werden, sollen die vielen kleinen Schritte fast sinnlich erfahren. Und Sie sollen am Ende Ihrer Reise in die Vergangenheit mehr wissen, mehr verstehen und es soll Ihnen erheblich besser gehen.

Sicher sind Sie in einem Alter, in dem Sie bereit sind für diese große Reise in die Geschichte Ihrer Familie. Aber vielleicht sind Sie auch ein wenig skeptisch, obgleich Sie ein starkes Interesse an diesem Thema haben. Meist zögern wir doch, ein solches Vorhaben wirklich umzusetzen. Es ist viel leichter, eine Fremdsprache zu lernen oder in ferne Länder zu reisen. Schließlich gehört viel Mut dazu, die Vergangenheit der eigenen Familie zu enträtseln. Wir wissen nie, was uns dann begegnet. Meist wagen wir uns deshalb erst in der zweiten Lebenshälfte an die Erforschung der Familiengeschichte.

Vielleicht ging es Ihnen früher so wie mir: Als ich jung war, interessierte mich meine Vergangenheit wenig. Ich wusste immer, dass meine Familie schwierig war und hatte nur ein Interesse: Ich wollte mir eine bessere Zukunft aufbauen. Den Blick zurück empfand ich eher als belastend. Insofern kann ich die biblische Warnung an Frau Lot verstehen, die bekanntlich zu einer Säule erstarrte, als sie den Blick zurück in das brennende Sodom richtete. Zwar wollte ich immer viel über meine Familie wissen und las schon in meiner Jugend psychologische Bücher. Aber zunächst suchte ich eher eine Orientierung für die Zukunft. Später begann ich im Rahmen meiner Berufsausbildung eine Therapie und redete dort über meine Kindheit. Doch für meine Großeltern interessierte ich mich nicht sehr. Allerdings änderte sich das, als ich die Lebensmitte überschritten hatte. Ich war zwar recht erfolgreich und manchmal sogar glücklich: Ich lebte in einer Partnerschaft, der Beruf machte mir Freude, ich hielt viele Vorträge, meine Bücher verkauften sich gut. Dennoch blieb in mir eine gewisse Nervosität, eine Unruhe, die ich nicht verstand. Immer wieder hatte ich das Gefühl, an eine gläserne Wand zu stoßen. Deshalb wollte ich meine Vergangenheit genauer erforschen und ahnte bald, dass ein Schatten über meiner eigenen Familie lag.

Zunehmend wurde mir klar, dass auch meine Eltern und Großeltern ein unbewältigtes Schicksal hatten. Ich ahnte die Konflikte und Dramen, die sich schon seit vielen Generationen abgespielt haben mussten. So fühlte ich die Notwendigkeit, mich mehr mit meinen Großeltern, mit der Geschichte meiner ganzen Familie auseinander zu setzen. Und auch Sie haben wahrscheinlich sehr persönliche Gründe, warum Sie sich für Ihre Familiengeschichte interessieren. Sicher ahnen Sie, dass Sie die Familienrätsel lösen müssen, damit Sie wirklich ein glückliches Leben führen können.

Viele Eigenschaften, Überzeugungen, aber auch Geheimnisse und traumatische Erfahrungen werden von einer Generation an die andere weitergegeben. Deshalb rief ich vor vielen Jahren meine Geschwister an, um mehr über meine Familie zu erfahren. Doch sie waren genauso ratlos wie ich, denn wir stammen aus einer typischen Nachkriegsfamilie, in der man wenig über sich erzählt hat. Über die Dramen, Konflikte, Ängste und Krisen redete man nicht. Und dies Schweigen ist typisch für die meisten Familien. Fast niemand hat wirklich einen Einblick in die Vergangenheit seiner Familie. Aber für diese Unwissenheit zahlt man einen hohen Preis, denn man wird von dem unbewältigten Familienschicksal gesteuert, gehemmt oder sogar erdrückt. Deshalb wollte ich begreifen, welche Botschaften und Probleme von einer Generation auf die andere weitergereicht werden. So wurde ich zum Großelternforscher.

Eine solche Erforschung der Vergangenheit ist heute wichtiger denn je. Wir müssen gerade in dieser orientierungslosen Zeit den Blick weit zurück wenden, um unsere Entwicklung zu begreifen. Ein Landvermesser braucht mindestens drei Punkte, um eine Linie zu erkennen. So ist dies auch mit unserer eigenen Entwicklung. Wir müssen

  1. a) unser Innenleben, also unsere Ängste, Hoffnungen, Stärken und Affekte erforschen,
  2. b) das Leben unserer Eltern begreifen und
  3. c) das Leben unserer Großeltern verstehen.

Dann haben wir die drei Punkte zur ‚Seelenvermessung' gefunden. Dann wissen wir wer wir sind, weil wir unser ‚inneres Betriebsprogramm' kennen, nachdem wir die Einflüsse der Familie erforscht haben.

Wenn Sie sich nun zur Erforschung Ihrer Vergangenheit ent-schließen, wird es am leichtesten sein, dass Sie den eigenen Familiennamen googeln. Das ist so beliebt, dass die Internet-Adressen über Ahnenforschung im Internet auf Rang zwei, gleich nach den Sexseiten kommen. Mit etwas Ausdauer finden Sie hier auch alte Akten und Auszüge aus Kirchenbüchern, die eingescannt wurden. Dazu müssen Sie dann allerdings die alten Schriften entziffern. Als Beispiel die Taufbescheinigung für das erste Kind meines Urgroßvaters:

Viele Vorfahren schrieben die alte Sütterlin-Schrift, die ich noch in der Schule lernte. Aber auch ich musste wie ein kleines Kind Buchstabe für Buchstabe entziffern, um die Dokumente zu lesen. Doch ich bin immer wieder über die Schönheit dieser Schriftstücke beeindruckt. Mit großer Kunstfertigkeit und Bedächtigkeit wurden Urkunden verfasst. So habe ich den Ehevertrag meines Urgroßvaters aus dem Jahre 1907 gefunden, in dem er die Gütertrennung mit seiner Ehefrau vereinbarte. Er hatte 1893 eine sehr hübsche 19jährige Frau geheiratet. Ich frage mich noch immer, ob er damit seinen Reichtum sichern oder seine junge Frau vor einem möglichen Konkurs schützen wollte.

Anregung: Was erfahren Sie, wenn Sie die Namen der Großeltern im Internet eingeben? Was finden Sie bei den Seiten der Ahnenforschung?......

Es gibt in fast allen Familien wohl gehütete Geheimnisse. Sie verstecken sich wie in einem alten Kellergewölbe, das man zugemauert hat. Nur noch der alte Gärtner hat eine Ahnung, ansonsten kennt niemand mehr den alten Fluchtstollen im Schloss. Ähnlich ist es mit den Familiengeheimnissen. Man leugnet, dass sich ein Onkel umgebracht hat, dass eine Tante in die Psychiatrie kam, dass ein Bruder in Untersuchungshaft saß und die Großmutter einen Selbstmordversuch unternahm. Solche Ereignisse werden allerdings nicht nur geleugnet, sondern das Leben wird geschönt und retuschiert. Dies führt in drei Stufen zur Tabu-Bildung

  1. Nicht emotional reden: Niemand redet mehr emotional über jene Ereignisse, die nicht zum Familienbild passen, die man nicht verarbeiten kann (Gebot der Sachlichkeit).
  2. Nicht ansprechen: Dies führt bald dazu, dass man das Ereignis nicht mehr ansprechen darf (Gebot des Schweigens).
  3. Nicht denken: In der nächsten Generation weiß man es nicht mehr, der Zugang zum Geheimnis ist verloren gegangen. So ist ein Tabu entstanden. Nun ist es auch nicht mehr denkbar (Verbot des Denkens).

Ihre Aufgabe ist es, die Tabubildung aufzulösen, indem Sie die drei Türen öffnen. Dazu müssen Sie zunächst den Mut haben, das Geheimnis zu erspüren. Sie müssen erahnen, dass es diese drei Türen überhaupt gibt.

Wenn Sie etwas darüber nachdenken, werden Ihnen zunehmend Anhaltspunkte einfallen, nach denen Sie suchen können. Sie müssen sich nur fragen, warum einzelne Familienmitglieder immer wieder scheitern. Dies weist auf gravierende Probleme in der Familiengeschichte hin. So gibt es beispielsweise Familien, die keine gute Einstellung zu Konflikten, zu Affekten, zum eigenen Selbstbewusstsein gewinnen konnten. Alle sind vorsichtig, keiner wagt einen mutigen Lebensentwurf. Immer können Sie davon ausgehen, dass dies Ursachen hat, die in der Vergangenheit liegen. In solchen Familien ist es so wie mit einer alten römischen Stadt, deren Häuser schon längst nicht mehr bestehen. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man die Bodenverfärbungen und Erhebungen und ahnt, dass sich unter der Erde ein Rätsel verbirgt. Das sind die verschütteten Familiengeheimnisse. Dann müssen wir vorgehen wie ein Archäologe, der über jeden noch so kleinen Fund erfreut ist.

Doch diese ‚Grabungsarbeit' kann schwierig sein, denn es hat ja Gründe gehabt, warum man so lange geschwiegen, so viel verdrängt hat. Man war nicht in der Lage wirklich einfühlsam, unterstützend, verstehend auf die Großmutter einzugehen, die einen Selbstmordversuch unternahm, nachdem ihr Mann fremdging. Und sie selbst wird auch Schamgefühle empfunden haben. Und man fand keine Antworten auf den gewalttätigen Großvater, der in die Psychiatrie kam. Man war mit diesen Ereignissen überfordert und musste sie verdrängen, um zu überleben.

Anregung: Gibt es ein Urproblem in Ihrer Familie? Sind die meisten zu wenig selbstbewusst, gibt es zu wenig Nähe, scheitern häufig Partnerschaften, arbeitet man zu viel? Das Familiengeheimnis hängt immer mit diesem Urproblem zusammen.

Normalerweise hat niemand in der Familie ein Interesse daran, solche Familiengeheimnisse zu lüften. Auch ich hielt mich an das Tabu, solange meine Eltern noch lebten und erkundigte mich nie nach meinem Großvater. Ich wusste natürlich, dass meine Großmutter geheiratet hatte. Aber es wäre mir nicht eingefallen, über ihren Mann nachzudenken, den ich nie kennen lernte. Erst eine Frage des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter brachte mich dazu, etwas mehr über meinen verstorbenen Großvater erfahren zu wollen

. Ich befand mich auf einem Kongress, abends gingen wir zusammen essen und ich berichtete von meiner Großmutter. Unvermittelt fragte mich dann Horst-Eberhard Richter: "Was war mit Ihrem Großvater?" Ich war sprachlos, denn ich wusste es nicht. Und als ich etwas mehr über meinen Großvater nachforschte, ahnte ich warum. Ich war entsetzt; als sich viele Details zu einem klaren Bild formten: Mein Großvater väterlicherseits war ein kleiner, kurzsichtiger Mann. Er war Beamter und seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Nach der Machtergreifung ging er sofort in die Partei. Zwar war er dort nicht sehr aktiv und er sah auch nicht gerade ‚germanisch' aus. Allerdings entsprachen viele Nazis nicht dem eigenen Körper-Ideal. Doch mein Großvater war sogar behindert, hatte eine schwere Rückenerkrankung, lief gebückt und soll ein eher leiser Mensch gewesen sein. Aber er war Blockwart und kassierte in einem ganzen Wohnblock nicht nur die Beiträge für die NSDAP, sondern achtete auf die Einhaltung aller Vorschriften: Er musste den jüdischen Besitz auflisten, besorgte die Verteilung der Lebensmittelkarten, kümmerte sich um die Entrümpelung der Dachböden, gab Leumundszeugnisse aus und notierte Unmutsäußerungen und das Verhalten bei Beflaggung. Er war also auch der Ansprechpartner bei Denunziationen.

Ich kann bis heute nicht glauben, dass mein Großvater immer linientreu war. Meine bestimmende Großmutter hatte immer einen großen Eigensinn, auch mein Vater hatte ‚einen eigenen Kopf'. Aber mein Großvater war ein Teil des nationalsozialistischen Apparats und muss ein Befürworter Hitlers gewesen sein. Auf jeden Fall wird er sich unbeliebt gemacht haben. Nach Kriegsende wurde er von einem Mieter bei russischen Soldaten ‚angezeigt' und nach dem damaligen Landsberg an der Warthe (dem heutigen Gorzow) gebracht, wo er im September 1945 in einem Lager verstarb. Meine Großmutter erfuhr dies erst viele Jahre später und erhielt schließlich auch eine Pension. Damals gab es dann auch ein Gerichtsverfahren, bei dem von einer Verurteilung meines Großvaters abgesehen wurde, obgleich er Blockwart war. Aber es sei nicht bekannt, dass er jemandem geschadet habe. All dies war dokumentiert, aber man sprach nicht darüber. Es war für uns Kinder wie ein Nichts, von dem man nicht wusste, dass es das überhaupt gegeben hatte. Nie wäre es uns Kindern eingefallen, nach unserem Großvater zu fragen.

Anregung: Gibt es auch in Ihrer Familie einige Personen, über die man nicht spricht, über die Sie wenig wissen? Manchmal ist es schwierig, dies überhaupt zu erkennen. Meist sind wir es so gewohnt, dass etwas verschwiegen wird, dass es uns überhaupt nicht auffällt, dass man über einen Onkel, einen Großvater nicht redet und ihn geradezu totschweigt.

Heftige Schamgefühle sind meist die Hauptursache dafür, dass wir Lebensereignisse verdrängen, dass wir wichtige Teile des Lebens ausblenden und verleugnen - weil sie mit jenem Wunschbild nicht in Einklang zu bringen sind, das wir von uns haben. Das trifft auch auf psychische Krankheiten zu, auf heimliche Affären, auf die Tatsache, dass ein Familienmitglied auf die schiefe Bahn kam, Konkurs machte, im Leben gescheitert ist. Dies alles wird zu Familiengeheimnissen, die man nicht finden darf. Deshalb sind wir meist so erschrocken, wenn wir das Familiengeheimnis aufdecken. So ging es auch mir, als ich mehr über meine Großeltern erfuhr. Ich war entsetzt, denn meine Großmutter war eine sehr warmherzige und sozial eingestellte Frau und ich kann nur vermuten, dass sie sich für ihre Begeisterung für Hitler später geschämt hat.

Nun kann man zwar verstehen, dass man solche Ereignisse am liebsten versteckt und aus der Familiengeschichte löscht, aber das hat immer verhängnisvolle Konsequenzen. Ein wichtiger Teil des Lebens wird nun ausgeblendet, existiert nicht mehr und dies schwächt alle Nachkommen. Trotzdem werden Sie sich vielleicht fragen: Lebt man nicht ruhiger, wenn man die Familiengeheimnisse respektiert? "Warum muss man die Leichen ausgraben?" fragte mich ein Patient. Diese Frage ist durchaus berechtigt. Heinrich Ibsen meinte einmal kritisch: "Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück." Der Stolz auf das eigene Leben ist offenbar sehr wichtig und oft bestimmt er sogar unser Gedächtnis. Jedenfalls schrieb Nietzsche in einem Aphorismus, dass das Gedächtnis nachgeben würde, wenn es mit dem Stolz zu einem Konflikt komme.

Doch der Preis für solche Verdrängungen ist hoch. Sie führen dazu, dass sich neurotische Muster ständig wiederholen. Die früheren Ereignisse sind ja nicht wirklich weg, nur begraben. Wie Gespenster führen sie ein Eigenleben. Es ist dann gleichsam so, als hätte man den Schlüssel zu dem Geheimkeller in den Brunnen geworfen. Der Zugang zu diesem Keller ist uns dadurch nicht mehr möglich. Aber in diesem Keller rumort es, ständig entstehen giftige Gase. Wir sitzen gleichsam auf einem Pulverfass, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen und verlieren den Zugang zu unseren inneren Kräften. Deshalb führen verdrängte Familiengeheimnisse nie dazu, dass wirklich Ruhe einkehrt. Agatha Christie lässt einmal Miss Marple sagen: "Geheimnisse sind wie Ackerwinden, deren Wurzeln tief ins Erdreich hinab reichen." Solche Geheimnisse stiften Unruhe, sie entwickeln sich zum Monster, weil wir das Schwierige, Problematische und Verrückte in den Keller gesperrt haben, wo wir uns nicht darum kümmern.

Wie befreiend es sein kann, das Familiengeheimnis zu erkennen, zeigt folgendes Beispiel. Ein Patient ärgerte sich darüber, dass er sich nie richtig freuen konnte, immer vorsichtig war, immer kontrolliert lebte und berichtete mir - nachdem er seine Familiengeschichte erforschte - von seinem Großvater, der oft betrunken war. Es wurde ihm schließlich klar, dass die gesamte Familie damals die Trunksucht des Vaters als Bedrohung empfand. Alle Familienmitglieder wurden daher darauf eingeschworen, immer kontrolliert und maßvoll zu leben. Das wirkte sich in alle Lebensbereiche aus. Selbst im Liebesleben war man zurückhaltend, nie schlug man über die Stränge. Erst nachdem der Patient das Familiengeheimnis verstanden hatte, konnte er seine Hemmungen überwinden. Er berichtete mir am Ende der Behandlung: "Für mich war es so, als würde ein Deckel wegfliegen. Es war wie eine Befreiung. Ich verstand, warum ich immer so kontrolliert, so ängstlich war. Und ich begann endlich zu genießen, ich wagte nicht nur etwas leidenschaftlicher zu sein. Ich trank gelegentlich ein Gläschen Wein, ich gönnte mir mehr und genoss das Leben. Das war ein riesiger Unterschied zu früher. Ich hatte bisher immer den Eindruck, dass links und rechts ein Abgrund ist - und wusste nicht woher diese Ängste kamen."

Anregung: Welche Familiengeheimnisse haben Sie gefunden, was wurde verschwiegen? Gab es große Krisen, war ein Großvater in der Klinik oder im Gefängnis?

Solche Familiennormen (‚Man muss immer kontrolliert leben') entstehen meist in einer Angstsituation und dienen der Gefahrenvermeidung. Man hat Angst vor den Folgen eines maßlosen Lebens. Und nun handelt man wie ein Hausbesitzer, dessen Fensterscheiben im Krieg zerstört wurden. Man nagelt einfach die Scheiben zu und damit ist das Problem scheinbar bewältigt. Man blickt zwar buchstäblich nicht mehr durch, aber zumindest sind die Fenster zu. Ähnlich kommen die meisten Familiennormen zustande. Sie sind nie souverän, sie sind nicht zukunftsweisend, sie dienen nur der Gefahrenabwehr. Und diese sehr rückständigen, einseitigen Normen müssen wir erkennen, um heute neue, bessere Antworten auf Probleme geben zu können. Das ist mir besonders bei einem jungen Mann deutlich geworden, der gelegentlich depressiv war. Er war ein sehr liebenswürdiger Mann, der sich nie richtig wehren konnte. Er litt immer wieder unter Stimmungsschwankungen und begann eine Therapie. Dabei fiel mir auf, wie distanziert sich seine Geschwister verhielten: Sie rückten von ihm ab, als ob er eine ansteckende Krankheit hätte. Offenbar schämten sie sich für ihren ‚kranken' Bruder, der nicht so erfolgreich war. Das kränkte meinen Patienten und auch mir kam dies alles sehr merkwürdig vor. Ich forderte ihn daher auf, die Familiengeschichte zu erforschen.

Der Patient erfuhr, dass sein Großvater gelegentlich durchgedreht sei. Er habe dann mit der Axt in der Wohnung gewütet und Möbel ‚zerlegt'. Und einige der Geschwister des Großvaters hätten sich umgebracht oder wären in der Psychiatrie ‚gelandet'. Das wurde immer verschwiegen - nie hatte man den Mut, wirklich eine erwachsene Einstellung zu diesen ‚Erkrankungen' zu finden. Man schämte sich dafür und es entstanden die Familiennormen ‚Man muss immer normal sein und man darf sich nie durchsetzen'. Jede Aggression wurde verdrängt, weil man sich einen vernünftigen Umgang mit Affekten gar nicht vorstellen konnte. Und die Kinder dieses ‚verrückten' Großvaters hatten nur einen Wunsch: Sie wollten in der Gesellschaft gut dastehen, wollten anerkannt und respektiert werden. Jede Abweichung von dem ‚Normalsein' wurde als Bedrohung empfunden. Fast alle hielten sich daran und die Familie wurde immer unlebendiger.

Zwar machten die meisten Familienangehörigen eine bürgerliche Karriere. Sie kauften Häuser, hatten Badezimmer aus Marmor, sie promovierten, trugen teure Anzüge. Sie verhielten sich so, als ob sie das Familienungeheuer besänftigen wollten. Doch dies war von einer großen Hilflosigkeit geprägt. Ist es nicht naiv zu glauben, dass man so gewaltige Konflikte durch ein Schweigen und kleine Opfergaben bewältigen könnte? Das ist doch so, als würde man einen Gurkeneimer über einen Vulkan stellen. Den ‚Fluch' einer solchen Familiengeschichte kann man nur überwinden, wenn man sie versteht. Deshalb ging es meinem Patienten erst dann besser, als er diese Familiengeheimnisse und die daraus resultierenden Normen aufdeckte.

Anregung: Welche Familiennormen gab es bei Ihnen? Wie mussten Sie leben, damit man mit Ihnen zufrieden war? Was war verboten? Durften Sie auch einmal über die Stränge schlagen und etwas Verrücktes tun?

Allerdings ist es nicht leicht, die Familiennormen zu hinterfragen. Sie haben eine große Wucht, sie sind gleichsam die zehn Gebote des Familienlebens. Die Brisanz dieser Normen erkennen wir oft nicht, weil wir es gewohnt sind, das Konfliktpotential des Familienlebens zu entschärfen. Alles wird besänftigt und in Watte gepackt. Wir begreifen leider nicht, dass Konflikte immer enorme Veränderungsenergien in sich tragen, die wir nutzen können. Dies zeigt eindrücklich folgendes Beispiel: Ein Ingenieur kommt zu mir in die Therapie, der sich nur schwer durchsetzen kann. Dabei wirkt er durchaus konfliktfreudig. In der Arbeit gilt er als sehr durchsetzungsfähig. Niemand kommt ihm gern zu nahe, wenn er schlecht gelaunt ist. Oft schickt man ihn zu Auslandseinsätzen, wenn dort ‚die Luft brennt'. Er kann mit den Monteuren so deutlich reden, dass sie notfalls Tag und Nacht arbeiten. Nur in der Ehe kann er sich nicht durchsetzen. Er hat sich völlig zurückgezogen, hat resigniert. Er leidet offenbar unter einer massiven Affektproblematik. Er regt sich auf, kann aber nicht bewirken, dass seine Wünsche wirklich in die Tat umgesetzt werden. Vielmehr träumt er gelegentlich davon, dass seine Frau sterben würde. Und er bekommt dann solche Angst, dass er zum Mörder werden könnte, dass er sich völlig angepasst verhält.

Mit angehaltenem Atem forsche ich in der Therapie nach. Und stelle fest, dass es in der Familie überall Menschen gab, die eher als stark galten, sich aber nie im persönlichen Bereich durchsetzen konnten. Das galt für seinen Vater, der depressiv wurde, weil alle um ihn herum machten, was sie wollten. Und es galt vor allem für seine Großmutter mütterlicherseits. Sie lebte in einem kleinen Dorf in Süddeutschland. Ihr Mann sei ein vollständiger Despot gewesen. Und dies sei mit zunehmendem Alter schlimmer geworden. Immer häufiger hätte er seine Frau und Dorfbewohner bedroht. Und schließlich habe man ihn völlig betrunken vor der Scheune liegend im Winter gefunden. Keiner habe ihn reingetragen. Alle wussten, dass er sterben würde, wenn man ihn liegen lässt. Letztlich war es Mord - aber alle schwiegen und waren froh, dass sie nicht mehr von ihm belästigt wurden.

Diese Geschichte erzählte mir der Patient aber erst nach einigen Monaten. Er musste vieles erahnen, kombinieren, erfragen, bis er auf das Familiengeheimnis stieß. Und das Wunderbare war: Er verhielt sich plötzlich so, als wäre ein Knoten geplatzt. Er begriff, dass es das Familientabu gab: Man darf sich nicht durchsetzen, weil es im Mord enden kann. Aber es war ihm bald klar, dass das Gegenteil stimmte: Weil man sich nicht rechtzeitig, nicht adäquat durchsetzen konnte, endete es im Mord. Das war tragisch, denn nun mussten alle ihre zerstörerischen Aggressionen verdrängen und wurden dadurch immer zum Opfer. Ihre Aggressionen waren natürlich nicht weg, sie mussten gebändigt werden. Und so träumte eine Generation nach der anderen davon, dass ein Mord passieren könnte. Durch diese Warnung wurden die Aggressionen in Schach gehalten. Erst dieser mutige Ingenieur konnte die innere Affekt-Blockade aufheben, nachdem er das Familiengeheimnis entdeckt hatte.

Anregung: Welche Einstellung hatten Ihre Großeltern zu Affekten, zu Konflikten? Konnte man sich auch einmal deutlich die Meinung sagen oder wurde alles verdrängt?

Noch schwieriger ist es natürlich, das Familiengeheimnis zu enträtseln, wenn es eine selbstgestrickte Familienlegende gibt. Anstelle der wirklichen Geschehnisse erfindet man einen Familienroman und spinnt sich zusammen, wie es hätte sein sollen. Der Stolz diktiert hier das Geschehen, er führt die Feder und man erzählt sich schließlich eine Geschichte, die man selbst glaubt. Deshalb wirkten auch die Geschichten meiner Eltern so überzeugend und ich hatte nie Anlass, an ihnen zu zweifeln. Erst viel später wurde mir klar, dass sie von vorn bis hinten nicht stimmten.....





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